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Fridays For Future und Frau Groß


Fridays For Future – das wohl meist diskutierte Thema des letzten Jahres, ein Thema, bei dem die Meinungen nicht unterschiedlicher sein könnten. Wir haben mit unserer Schulleiterin Frau Groß über Greta Thunberg, Fridays For Future, Streiken und Klimaschutz gesprochen.


Wann und wie haben Sie das erste Mal von Fridays For Future und Greta Thunberg gehört? Und was war Ihre erste Reaktion?

Ich habe über die Zeitung von ihr erfahren. Mir war in der SZ ein Foto ins Auge gefallen, das ein junges Mädchen zeigte, das mutterseelenallein mit einem Schild in der Hand auf der Straße saß, auf dem übersetzt „Schulstreik für das Klima“ stand. In dem Artikel wurde berichtet, dass es sich um eine schwedische Schülerin handelte, die Freitag für Freitag so vor dem Parlament in Stockholm auf ihre Art auf den Klimawandel aufmerksam machte. Meine Reaktion? Ich fand es erstaunlich, dass sie das so lange durchhielt, ich meine, sie schwänzte ja ganz offensichtlich regelmäßig den Unterricht, und ich fragte mich ehrlich gesagt schon, ob sie das mit ihren Eltern abgesprochen hatte, ob die Lehrer im Bild waren, ob sie mit Konsequenzen rechnen musste. Man hatte allerdings den Eindruck, dass ihr das wahrscheinlich egal war, so entschlossen, wie sie auf dem Foto aussah. Ich muss gestehen, dass mir irgendwie durch den Kopf ging, was theoretisch passieren würde, wenn dieses Beispiel bei uns Schule machen würde. Also wie ich als Schulleiterin einer öffentlichen Schule damit umgehen würde. Obwohl zu dem Zeitpunkt natürlich noch niemand daran dachte, was für eine Welle diese Aktion auslösen würde.

 
Wenn es diese Bewegung und Themen in Ihrer Jugend gegeben hätte, was hätten Sie gemacht? Wären Sie auch auf die Demonstrationen gegangen?

Ich war als Schülerin extrem brav und angepasst und hätte mich nie im Leben getraut, irgendwelche Regeln zu brechen. Während der Unterrichtszeit auf eine Demonstration zu gehen, wäre mir schon gar nicht in den Sinn gekommen. Es gab in den 70er Jahren natürlich auch Themen, über die wir heftig diskutierten, Startbahn West, Vietnam, Atomkraft zum Beispiel, aber man bestreikte deswegen nicht die Schule. Damals haben wir beispielsweise als Zeichen des Protests Anstecker mit dem Logo „Atomkraft nein danke“ oder „Stoppt Strauß“ getragen, und auf Demonstrationen ging man am Wochenende.

 

Was sind Ihre Erfahrungen mit Demos?
Als ich in der 5. Klasse war, haben sich einmal alle 1200 Schüler meines Gymnasiums geschlossen in die Turnhalle gesetzt und gegen irgendetwas protestiert, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wogegen. Ansonsten sind meine persönlichen Erfahrungen mit Demos eher mager. Ich bin ja eher ein sehr regelkonformer Mensch.


Wobei ja Demonstrationen nicht gegen die Regeln gehen, das Demonstrieren ist ein Recht von uns.
Ja, das stimmt schon, aber ich persönlich würde mich vor allem mit meiner Wählerstimme in die Demokratie einbringen. Als Lehrer kann man natürlich ständig jeden Tag Dinge bewegen, da muss ich nicht auf Demonstrationen gehen. Ich will jetzt nicht sagen, dass Demonstrieren völlig wirkungslos wäre, das ist ja nicht so, aber es war eben nie meine Art.

 
Was würden Sie Greta Thunberg gerne persönlich sagen, wenn Sie die Gelegenheit dazu hätten?
Schwierig. Vielleicht würde ich sie fragen, ob sie je damit gerechnet hätte, dass sie mit ihrer einsamen Aktion damals vor dem schwedischen Parlament eine solche Welle in Gang setzen würde. Und was ihre nächsten Ziel sind. Ich würde ihr gerne sagen, dass sie für ganz viele Jugendliche ein Vorbild ist und dass das auch eine ungeheure Verantwortung bedeutet. Manchmal hat man das Gefühl, dass ihr das gar nicht so bewusst ist.


Welches Schulfach halten Sie für am wichtigsten, um den Herausforderungen der Klimakrise zu begegnen?
Was die Inhalte angeht, ist, glaube ich, die Geografie am wichtigsten. Wenn es aber ums Handeln geht und um die gesellschaftliche Teilhabe, sprich um die Frage, welche Möglichkeiten ich als Bürger habe, mich zu engagieren, dann ist es eher die Sozialkunde, die einem den eigenen Handlungsspielraum zeigt. Es gibt ja schließlich ein Wahlrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Um die wirtschaftlichen Konsequenzen zu studieren, ist aber auch das Fach Wirtschaft und Recht wichtig, einfach um wirtschaftliche Prozesse zu betrachten und Ökobilanzen auszurechnen und einmal zu untersuchen, welche Auswirkungen bestimmte Klimaschutzmaßnahmen auf die Wirtschaft haben könnten. Beispielweise würde ein sofortiger Kohleausstieg, wie ihn die Fridays For Future-Bewegung fordert, dazu führen, dass sehr viele Menschen arbeitslos werden. Dass es nicht die eine Lösung gibt, lässt sich aber gut auch im Fach Deutsch diskutieren bzw. erörtern. Den Herausforderungen begegnen im Sinne von Aufklären, Informieren, Handlungsoptionen aufzeigen, das kann man eigentlich in jedem Fach.

 
Was sollten die SchülerInnen denn Ihrer Meinung nach gegen den Klimawandel tun? Außer demonstrieren?
Und die LehrerInnen und anderen MitarbeiterInnen?
Sagen wir so: Ich demonstriere, wenn ich auf eine Sache aufmerksam machen will. Es wird jetzt aber schon fast ein Jahr demonstriert und ich glaube, dass jeder mittlerweile verstanden hat, dass das Klima gefährdet ist und dass man jetzt handeln muss.
Was können die SchülerInnen also konkret tun? Da gibt es viele Ideen: Müll vermeiden und trennen, unnötigen Energieverbrauch vermeiden – Licht aus, wenn man den Raum verlässt, Heizung hinunterdrehen, das Fahrrad oder den Bus nehmen statt sich von der Mama in die Schule fahren zu lassen, regional kaufen, um Transportwege zu vermeiden, weniger Fleisch essen, Coffee-to-go im eigenen Becher kaufen. [-> Link] Als Schüler könnte man auch versuchen, die eigenen Eltern zu „erziehen“; es ist ja mittlerweile so, dass die Jugend eher Bescheid weiß als die eigenen Eltern.
Und was könnten die Lehrer tun? Wir sollten mit gutem Beispiel vorangehen, was manchmal gar nicht so leicht ist. Während der autofreien Woche im letzten Schuljahr musste ich selber jeden Tag den inneren Schweinehund überwinden… Das Auto wäre halt doch ungleich bequemer und vor allem billiger gewesen als die S-Bahn. Wir können außerdem im schulischen Kontext dem Thema den größtmöglichen Raum geben. Ich als Schulleiterin möchte Maßnahmen fördern, die uns beim Klimaschutz weiterbringen. Immerhin gibt es mittlerweile am KHG nur noch Studienfahrten mit Bus oder Bahn, das KHG fliegt nicht mehr. Oder nur, wenn das Ziel, z.B. Tansania oder die USA, nicht anders zu erreichen ist.


Nutzt das KHG erneuerbare Energien?
Woher wir unseren Strom beziehen, ist nicht eine Entscheidung der Schule, sondern es ist eine Entscheidung der Gemeinde. Da Gräfelfing ein Nachhaltigkeitssiegel hat, nehme ich an, dass die Gemeinde schon bemüht ist, ihre Energie entsprechend nachhaltig zu beziehen. Aber Genaueres weiß ich nicht, da müsste ich mich im Rathaus informieren. Was das KHG aber hat, sind Solarzellen auf dem Dach – nähere Auskunft dazu könnte man bei Frau Riederer oder Herrn Schlicht bekommen.
Was wir jetzt versuchen, ist, dass der Nordtrakt der Grundschule so für uns saniert wird, dass es energietechnisch wie ein Passivhaus funktioniert – zwar nicht vollständig, also man kann schon mal die Fenster aufmachen, aber es soll den neuen energietechnischen Ansprüchen genügen.

 

Was haben die Proteste hier am KHG verändert?
Sie haben alle für das Thema insgesamt mehr sensibilisiert. Nachhaltigkeit war ja schon vor Fridays For Future ein Schulentwicklungsziel, und unser Motto des letzten und des laufenden Schuljahres lautet „Weil uns unsere Zukunft nicht egal ist“, daher wäre vieles wahrscheinlich auch ohne die Proteste passiert, aber vielleicht nicht so schnell. Und es ist sicher auch die Akzeptanz der Schüler für bestimmte Maßnahmen größer geworden. Dass die Studienfahrten wie gesagt nicht mehr mit dem Flugzeug gemacht werden, haben die Schüler akzeptiert, weil sie durch Fridays For Future wissen, worum es geht, und weil ja viele selbst Teil der Bewegung sind.


Es heißt ja immer, die Schulen dürften sich nicht politisch positionieren – aber ist der Klimawandel eine politische Frage?
Natürlich ist der Klimawandel an sich keine politische Frage, sondern ein wissenschaftlich bewiesener Fakt, auch wenn er von manchen geleugnet wird.
Aber der Umgang mit der Thematik ist politisch. In Deutschland gibt es zwar mittlerweile, glaube ich, außer der AfD keine einzige Partei, die nicht den Kampf gegen den Klimawandel in irgendeiner Weise in ihrem Parteiprogramm hätte. Der Unterschied liegt in den Zielen, den Vorschlägen und Lösungsansätzen der Parteien. Die Regierungsparteien haben zum Beispiel andere Vorstellungen als die Parteien in der Opposition, die sehr viel fordern, weil sie halt in der Opposition sind. Kritisch wird es, wenn eine Demonstration während der Schulzeit von Veranstaltern angesetzt wird, die von einer bestimmten Partei unterstützt werden. Wenn ich jetzt jedem Schüler die Teilnahme an einer Fridays For Future Kundgebung – während der Unterrichtszeit, wohlgemerkt – erlauben würde, würde ich damit eine politische Meinungsäußerung vornehmen. Als Lehrerin und besonders als Schulleiterin bin ich aber zu absoluter Neutralität verpflichtet. Während seiner Freizeit kann natürlich jeder Schüler und jede Schülerin selbst entscheiden, wofür oder wogegen er oder sie demonstrieren will, das geht mich sozusagen nichts an.


„Fridays For Future – Schüler demonstrieren, um nicht in die Schule gehen zu müssen?“
Das behaupten böse Zungen immer wieder, aber das kann man so nicht sagen, das wäre ungerecht. Die Schüler gehen zum Demonstrieren anstatt in die Schule, weil sie damit darauf aufmerksam machen wollen, dass ihnen Bildung auch nichts mehr nützt, wenn die Welt zugrunde geht.
Es gibt allerdings einen Punkt, der mich bei der ganzen Thematik von Anfang an, und eigentlich als einziges, irritiert hat, und das ist die unglückliche Verwendung des Terminus „Streik“. Die allgemeine Schulpflicht gehört zu den großen Errungenschaften der Reformation und Aufklärung und bedeutet nichts anderes als das Recht auf Bildung. In Deutschland genießen die Kinder und Jugendlichen das Privileg, eine staatliche Schule kostenlos besuchen zu dürfen - auch wenn es manche vielleicht als Zwang empfinden. Es gibt sehr viele Länder, in denen die Jugendlichen nicht in die Schule gehen können, weil sich die Eltern das Schulgeld nicht leisten können. Deswegen ist es doch eigentlich absurd, dass man das Recht auf Bildung bestreiken will. Ich kann doch auch nicht das Recht auf freie Meinungsäußerung bestreiken, man kann überhaupt kein Recht bestreiken. Also insofern ist es mir sehr viel lieber, man spricht von Demonstration oder Kundgebung.
Um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Bei uns am KHG hatte ich nicht das Gefühl, das bisher jemand auf eine der Fridays For Future Demonstrationen gegangen ist, nur um die Schule zu schwänzen, dazu wäre der Aufwand dann auch zu groß gewesen. Sondern man wollte ganz bewusst ein Zeichen setzen, eine Regel überschreiten, um damit Aufmerksamkeit zu erreichen. Und das hat ja auch gut funktioniert. Jetzt, wo man diese Aufmerksamkeit erreicht hat, kann man mit anderen Mitteln weiterarbeiten.

 

Die Redaktion bedankt sich bei Frau Groß für das Interview und jetzt bitte nicht vergessen: „Coffee-to-go im eigenen Becher kaufen, […] die Eltern erziehen [und] den inneren Schweinehund überwinden“!

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Kommentare: 1
  • #1

    Fridays for Future Fan (Montag, 16 Dezember 2019 18:37)

    @Frau Groß:
    Bei Großdemonstrationen wurden ja bereits öfters Schulgruppen gegangen , wir von der Unterstufe wurden jedoch nicht informiert...
    Könnten sie es vielleicht so einrichten, dass auch wir die Chance haben an so einer Veranstaltung teilnehmen? Schließlich interessiert auch uns dieses Thema. Wir, die Jüngeren und unsere Nachkommen haben vermutlich noch am längsten zu leben und deshalb müssen wir auch auf unseren Planeten aufpassen! Bitte! Nach unserem Schulmotto „ weil uns unsere Zukunft nicht egal ist ” bitte ich sie im Namen der gesamten Unterstufe, und auch an den Großdemonstrationen teilnehmen zu lassen!

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