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Hallo ich bin schwul


Hallo ich bin schwul.

 

Ja genau.


Ich finde Männer attraktiv. Als Mann.


Ja, das geht. Und nein, ich möchte deshalb nicht eine Frau sein. Nein, es ist auch nicht unnatürlich. Wie das mit dem Sex geht? Denk doch nochmal ganz scharf nach. Wow, du kennst auch jemand Schwulen? Nein, ich kenne ihn nicht. Wir haben keine monatlichen Treffen unter allen Schwulen. Tut mir leid. Ach so, du bist gar nicht homophob? Na, da bin ich aber froh. Nein, ich möchte nicht dein schwuler bester Freund sein. Und auch nicht mit dir shoppen gehen. Ach, du hättest das bei mir gar nicht gedacht ? Ich sehe gar nicht so schwul aus? Und jetzt? Wie sieht denn ein Schwuler aus?


Du beginnst zu beschreiben: jung, feminines Gesicht, femininer Gang und Kleidungsstil, immer geschminkt, trägt High Heels, sportlich (am besten Tanz). Hat nur Freundinnen. Darf als einziger Mann in die Mädchenumkleide und mit zum Mädelsabend. Verliebt sich in jeden Mann, der ihm über den Weg läuft. Aber bitte nicht in dich. Du erläuterst, dass du kein Problem mit meiner Sexualität hast, solange ich nicht dich liebe. Und solange ich es vor dir nicht immer thematisiere. Und mein Liebesleben sollte bitte privat bleiben. Ja, auch Händchen halten oder küssen. Aber prinzipiell hast du nichts dagegen.


Jetzt reden wir schon 10 Minuten über meine Homosexualität und eigentlich hast nur du geredet. Du stellst typische, unüberlegte Fragen und kommentiert genauso unüberlegt. Zum Beispiel, dass es doch so schade für die Frauenwelt wäre, dass ich nicht für sie zu haben bin. Na und?, denke ich, aber sage es nicht laut, weil ich weiß, dass es doch eh nichts bringt. Ich habe dieses Gespräch schon geführt. Ja, schon oft geführt. Immer und immer wieder reagierst du so - nicht immer genau du, aber doch sind es immer die gleichen - deine - Aussagen. Inzwischen ist es mir egal. Anfangs habe ich noch versucht aufzuklären aber jetzt fehlt mir die Energie. Ich habe keine Lust mehr, mich zu rechtfertigen. Ja, ich liebe Männer. Na und? Ändert das etwas? Bin ich deswegen jemand anderes? Ich bleibe ich und meine Homosexualität ist nur ein Teil meines Charakters und meines Wesens. Ich mag genau die gleichen Dinge, spreche gleich und... bleibe ich. Egal ob ich schwul bin oder nicht. Hoffe ich zumindest. Deine Aussagen machen es nicht unbedingt einfacher. Ich werde nicht unbedingt durch dich den Augen-öffnenden Moment haben und mir denken: Ach so, ich kann gar keine leiblichen Kinder kriegen mit einem Mann? Na danke, dass du mich aufgeklärt hast und vor so einer peinlichen Situation gerettet hast. Schatz, wollen wir langsam mal ein Kind zeugen? Wie, wusstest du nicht, dass das nicht geht? Ah stimmt, da war ja was! Danke, dass du mich belehrt hast - dann kann ich jetzt getrost wieder heimgehen und mir nackte Frauenkörper anschauen. Denn das willst du doch, oder? Dass ich einfach "normal" bin. Normal im Sinne von hetero, muskulös - einfach normal halt. Ein richtiger Mann. Ein holzfällender, Fleisch liebender Mann. Ein emotionsloser Mann. Ein Frauen begehrender, sexbesessener Mann. Einer, der im Büro arbeitet. Abends nach Hause kommt und dort seine Frau empfängt, die ihm ein Hendl mit Kartoffelsalat gemacht hat. Die Kinder sind schon im Bett - ein Junge und ein Mädchen -, von der Frau, deiner Frau haben sie noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekommen. Dein Gesicht kennen sie kaum, weil du morgens früh ins Büro fährst und abends spät nach Hause kommst. Dir fällt es kaum auf, weil ja deine Frau für die Kindererziehung zuständig ist. Deine Kinder sind dir relativ egal, solange sie "normal" sind und keine Unruhe stiften. In unserer Gesellschaft ist das OK, weil du der Mann bist. Der Mann im Haus. Der, der das Geld nach Hause bringt. Emotionslos. Emotionslos und kalt.


Aber ich möchte das nicht sein. Ich möchte vor Freude tanzen, wenn meine Tochter ihren ersten Schultag hat. Ich möchte weinen, wenn sie auszieht. Ich möchte sie trösten, wenn sie traurig ist. Ich will sie ganz fest im Arm halten und für sie da sein. Genauso wie mein Lebenspartner für sie da ist.  Mein Lebenspartner. Ein Mann, genau wie ich. Zwei Männer, die zusammen leben und sich lieben. Sich lieben. Genau wie die zwei Frauen nebenan. Oder das heterosexuelle Paar gegenüber. Oder wie die Nachbarn, die eine polyamore Beziehung führen. Genau wie du. Genau wie ich. Wir lieben alle gleich. Und egal wen wir lieben, es ist Liebe.


Also bitte, hör auf, mich nach meinem Sexleben zu fragen. Hör auf, mich deinen schwulen Freunden vorzustellen, nur weil sie auch schwul sind. Hör auf, homophobe Witze zu reißen, um mir dann zu sagen dass es nicht ernst gemeint war. Hör auf, dich über mein Begehren lustig zu machen. Hör auf, mich als deinen schwulen Freund vorzustellen. Bitte.

 


Danke.

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Kommentare: 2
  • #1

    Kevin (Mittwoch, 18 Dezember 2019 17:43)

    Ich muss mich ,,outen".
    Meine Mutter macht gern Hendl mit Kartoffelsalat.
    Mein Vater und seine Frau (meine Mutti) sowie deren Kinder essen es gern. Bin ich jetz ein schlechter Mensch?
    Ich liebe es, gutes Fleisch zu essen (in Bio-Qualität, versteht sich).
    Ich bin sportlich. Ich mache Yoga und gehe Schwimmen. Manchmal spiele ich sogar mit Mädchen Fußball oder Volleyball.
    Mein Vater nimmt uns (Jungen und Mädchen) aber genauso in den Arm, wie es meine Mutti tut. Geht das?
    Mein Vater fällt Holz. Mein Vater macht Wäsche. Ich mache auch Wäsche. Meine Mutter macht auch Wäsche.
    Mein Vater arbeitet (darf er das??). Meine Mutter auch. Ich denke, ich sollte mir ernsthafte Gedanken machen, ob unsere Weltanschauung richtig ist.
    Achso ja, und ich bin heterosexuell. Sachen gibts! Dürfte ich vielleicht auch einen kleinen Artikel für die Schülerzeitung verfassen? Ich habe schließlich auch sogenannte Liebesprobleme. Ich werde deshalb manchmal sogar ausgelacht.
    Des weiteren geht mich die sexuelle Orientierung meiner Mitmenschen weder etwas an, noch juckt sie mich. LG

  • #2

    (Sonntag, 09 Februar 2020 17:08)

    Das war mal ne Aussage! Das hat gesessen! Aber mit Recht! Es sollte überhaupt keinen Unterschied zwischen hetero- und homosexuellen geben!

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