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Lesezeichen als Beilage


Smartphones und das Internet haben unsere Leben über das letzte Jahrzehnt stark verändert und geprägt. In der S-Bahn mit Fremden, in Bars mit Freunden, beim Mittagessen mit der Familie, ständig starren wir auf die kleinen, viereckigen Bildschirme in unserer Hand. Der Mensch hat dank Steve Jobs einige Fähigkeiten verloren. Das Lesen von Landkarten beispielsweise. Wozu auch? Google Maps übernimmt das für uns.  Selbst die Begabung des „Nichts-Tuns“ fehlt vielen mittlerweile. Wie sollen wir auch zum Nachdenken kommen, wenn wir jede freie Minute unsere Smartphones in die Hand nehmen?
Welche Fähigkeit wird als nächstes aussterben? Einige sind der Auffassung, dass die Menschheit bald das Lesen verlernen wird. Darunter auch Klaus Ceynowa, der Generaldirektor der Bayrischen Staatsbibliothek, und der Journalist Markus Günther. Er sagt, dass der Mensch der Zukunft nicht lesen könne und er erwartet eine analphabetisierte Gesellschaft.

Das Lesen verliert im Zeitalter digitaler Medien an Bedeutung. Die Jugend von heute ist ein Beweis dafür.

Viele Jugendliche sind nicht in der Lage, ohne Rechtschreibprogramme einen fehlerfreien Satz zu formulieren. Dies wird vor allem deutlich, wenn Schüler in Klausuren nicht mehr von der roten, zackigen Linie unter einem Wort darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie einen Fehler gemacht haben. Auch die Grammatik der Smartphone-Generation hat sich dramatisch verschlechtert. Es entwickelte sich sogar eine Sprache, namens „Vong“, die ironisch darauf aufmerksam machte. Ein bekannter Satz dieser Sprache ist „Was ist das für 1 life?“. Wenn die deutsche Sprache bereits heute dieses Niveau erreicht hat, was erwartet uns in den kommenden Jahrzehnten?

Ein weiteres Indiz, dass wir uns bereits in die Richtung einer Welt ohne Schriftkultur bewegen, ist, dass Videos einen Großteil an Schriften ersetzt haben. Rezepte und Gebrauchsanweisungen in Videoformat ermöglichen es der Gesellschaft das Lesen zu umgehen. Sogar der Teil der Gesellschaft, von dem erwartet wird, ständig in einem Buch versunken zu sein, hat eine Möglichkeit gefunden, dies zu umgehen. Schüler können zwischen einem kurzen Lehrfilm auf YouTube, der Wurzelfunktionen verständlich erklärt, und einem dreiseitigen Text im Schulbuch wählen. Schüler können sich entscheiden, ob sie 150 Seiten „Faust“ lesen oder ein zehnminütiges, zusammenfassendes Video schauen. Der Grund, warum sich die meisten Schüler für die optische Sequenz aus wechselnden Einzelbildern entscheiden werden, ist, weil sie keine Zeit haben. Und warum haben sie keine Zeit? Weil sie ständig am Smartphone sind. Der Schüler von heute versucht aufgrund des Zeitmangels so viel Information wie möglich in so wenig Zeit wie möglich aufzunehmen. Er hat das Glück, dass kurze Videos, wie zum Beispiel die des YouTube Kanals „SimpleClub“, dies ermöglichen. Selbst manche Lehrer scheinen die Aneinanderreihung von Bildern der Aneinanderreihung von Buchstaben vorzuziehen und zeigen in ihrem Unterricht häufiger Filme. Die Jugend von heute verlernt langsam aber sicher das Lesen. Lesen wird in den Kinderjahren mühsam erlernt und ist auch für den erwachsenen Körper anstrengend. Menschen, die viel lesen werden, kurzsichtig. Bücher sind teuer und zerstören den Regenwald. Ist es dann nicht gut, wenn diese Last Schritt für Schritt eliminiert wird?

Das Institut für Demoskopie Allensbach untersuchte für seine Neuauflage der Allensbacher Werbeträgeranalyse das Medienverhalten der Deutschen. Hierfür wurden im Jahr 2013 über 25.000 Interviews ausgewertet. Rund 15 Millionen Deutsche lesen mehrmals die Woche Bücher. Das sind nur knapp 18% der gesamten Bevölkerung. Nicht einmal ein Fünftel. Lesen scheint in der Bevölkerung nicht besonders beliebt zu sein. Diese Abneigung gegenüber Büchern scheint auch in der Generation von heute angekommen zu sein, wie das allgemeine Aufstöhnen einer Schulklasse bei dem Wort „Lektüre“ zeigt. Die Smartphone-Generation mag das Lesen nicht nur nicht, sie braucht es auch gar nicht. Sprachnachrichten und Diktierfunktionen ersetzen das Tippen und eine neu entwickelte Vorlesefunktion das Lesen. Lesen ist überflüssig. Der Mensch der Zukunft wird es nicht können müssen und es deshalb auch nicht erlernen.

Das klingt unglaublich. Genauso unvorstellbar war es jedoch für die Menschheit vor hundert Jahren, dass wir heute in großen Flugobjekten mit 1000 km/h durch die Welt fliegen oder dass Menschen eine rassistische Orange mit Toupet und kleinen Händen zum Präsident wählen würden. Beides ist jedoch eingetreten. Und auch, wenn wir es uns heute nicht vorstellen können, ist es nicht auszuschließen, dass ein Großteil der Menschheit in der Zukunft des Lesens unfähig ist. Schockierend, wie dystopisch unsere Zukunft aussieht. Hier jedoch ein paar beruhigende Worte. Es ist auszuschließen, dass alle Menschen die Gabe des Lesens verlieren. Wir haben bestimmte Werte, die uns erhalten bleiben. Beim Aufkommen des Fast- Food Phänomens in den 1950er Jahren erwarteten viele das Ende unserer Essenkultur. Fast Food hat sich heute zwar durchgesetzt, aber schicke Restaurants mit fein zubereitetem Essen existieren noch immer. Die Fähigkeit zu lesen wird ein ähnliches Schicksal haben. Ein großer Teil wird sich von Videos ernähren, um Informationen schnell aufzunehmen. Ein Bruchteil wird sich den Luxus des Lesens leisten können. Serviert mit einem Lesezeichen als Beilage.

[ps]

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