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2083


2083. Meine Enkelin fragt mich, so unschuldig und engelsgleich dort vor mir auf dem Teer sitzend, warum wir damals unseren Planeten nicht besser geschützt haben. Als ich ihr heute Vormittag Fotos aus meiner Kindheit gezeigt habe, muss es für sie wie das Paradies ausgesehen haben, angesichts der zerstören Umwelt, in der wir jetzt sterben müssen. Ihre Augen sind rund und groß, und sie blickt mich so abwartend und liebevoll an. Soll ich ihr die Wahrheit erzählen? Oder die kleine, große Lüge, dass wir doch nichts dafür können?
Aber das können wir. Das können wir verdammt.
Ich entscheide mich für die Wahrheit.

„Als ich ein junges Mädchen war, wussten wir alle Bescheid. Alles andere wäre eine Lüge. Wir wussten es, die Politiker wussten es und die Wissenschaftler erst recht. Es gab auch Menschen, die etwas gegen die Klimakatastrophe getan haben, aber zu wenig. Ja, wir waren alle zu faul, wollten unseren Lebensstil nicht aufgeben, um unsere Umwelt zu schützen. Manche haben es versucht, haben versucht, die Menschen dazu zu bewegen, manche, auch ich. Aber es war nicht genug.


Als ich dreizehn Jahre alt war, ist die Jugendbewegung „Fridays For Future“ entstanden. Ganz normale Jugendlichen sind freitags nicht zur Schule gegangen, stattdessen haben wir demonstriert. Ich war zweimal dabei, viele Freundinnen von mir einmal, andere wiederum sogar jede Woche. Monatelang ging es so, und immer mehr Schüler haben gestreikt. Mitte März, ich glaube es war 2019, gab es an einem Freitag sogar weltweit Streiks, zu denen mehr als eineinhalb Millionen Schüler gekommen sind. Habe ich dir schon mal davon erzählt, wie ich bei der Demo sogar auf die Bühne durfte, und einen Poetry Slam vorgetragen habe? Es war ein unglaubliches Gefühl, tausende Schüler allein in München, wir haben uns so laut und richtig gefühlt. Endlich konnten wir den Mund aufmachen, bekamen Aufmerksamkeit, endlich konnten wir uns für unsere Zukunft einsetzen.
Aber haben wir das wirklich, uns für eine bessere Zukunft eingesetzt?“


Ich mache eine Pause und blicke in die Ferne, in die Welt, die wir damals noch hätten retten können. Und dann schaue ich in die Augen meiner Enkelin, und weiß, dass ich ihr die Wahrheit erzählen muss, so bitter sie auch ist.


„Nein, das haben wir nicht. Auf diese Demos zu gehen und dort ein Schild mit der Aufschrift „There’s no planet B“ hochzuhalten war so einfach, so viel einfacher als konsequent nachhaltig zu leben. Wir haben die Schuld nicht bei uns gesucht, sondern bei den anderen. Dabei liegt die Schuld bei uns allen, die Schuld für diese Katastrophe. Wir sind schuld. Ich bin schuld.“


Die nächsten Sätze bleiben mir im Hals stecken. Ich wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel und atme langsam ein und aus. Aber meine Enkelin ist ungeduldig und neugierig, sie fragt weiter. Was wir denn noch hätten tun können, fragt sie, und warum wir es nicht getan haben. Ich huste und konzentriere mich für einen Moment nur auf meine Atmung, lasse die stickige Luft in meine Lungen strömen und atme wieder aus.


„Wir konnten anfangen in unserem täglichen Leben, Müll vermeiden und trennen, nicht mehr fliegen und Auto fahren, regionale und saisonale Produkte kaufen, wir konnten … Es waren so kleine und scheinbar nichtige Dinge, die schon so einen großen Unterschied gemacht hätten, wenn sich niemand davor gedrückt hätte. Wie schon gesagt, es waren nicht alle, die verschlafen haben. Es gab viele Projekte für den Klimaschutz, auch an meiner damaligen Schule. Wir hatten mehrere Arbeitsgemeinschaften, mit Schülern und Lehrern, einen Schulgarten mit Pflanzen, einem Insektenhotel und Nistkästen, wir haben die Schüler informiert über die verschiedensten Aspekte von Nachhaltigkeit, hatten so viele Projekttage und auch eine eigene Demo, und sogar unser Schulmotto hieß „Weil uns unsere Zukunft nicht egal ist …“. Aber es haben nicht genug mitgemacht, und die Schüler sind dann doch wieder jede Ferien mit dem Flugzeug verreist und haben das Rindfleisch aus der Massentierhaltung gegessen. Also hat sich die Erde weiter erwärmt, und wir haben bloß zugesehen, die Schuld den anderen zugeschoben und Schilder mit „Klimaschutz statt Kohleschmutz“ hochgehalten. Warum wir nicht mehr getan haben, willst du wissen? Weil wir zu bequem waren. Weil man nie vom Schlimmsten ausgeht. Weil … Ich kann dir nicht sagen, warum, weil es keinen Grund gibt, der unser Handeln, unser Nicht-Handeln rechtfertigen würde. Wir hatten unsere Chance, unsere letzte Chance, und haben sie einfach so an uns vorbeiziehen lassen.

 

Ich könnte dir davon erzählen, dass ich Vegetarierin war und bei diesen ganzen Arbeitsgemeinschaften mitgemacht habe, dass ich versucht habe, nachhaltig zu leben, oder dass ich gar nicht schuld bin, sondern die damalige Regierung, die sich lieber auf die Seite der Autoindustrie gestellt hat, als auf die des Planeten. Dass ich doch auf den Demos war und so viel getan habe. Und das habe ich auch, aber ich war so alleine damit. Ich habe nicht genug Menschen überzeugen können, ich hätte mehr Menschen mitreißen müssen, aber ich habe versagt. Es gab so viele Möglichkeiten, es wäre so einfach gewesen, wenn genug mitgemacht haben. Damals hätten wir gemeinsam noch die Chance dazu gehabt - aber wir haben sie vorbeiziehen lassen, und jetzt können wir die Klimakrise nicht mehr aufhalten. Jetzt haben wir nur noch Erinnerungen, für die wir uns schämen müssen, und einen zerstörten Planeten.“


Ich verstumme. Ich bin schuld.
Eine Träne, dick und rund, fällt wie in Zeitlupe zu Boden und verdampft sofort in der Hitze.

Franziska M., 9a

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Kommentare: 6
  • #1

    Wow! (Dienstag, 09 April 2019 18:50)

    Das ist einfach toll, rührend und so wahr, Franzi!��♻︎

  • #2

    UPS! (Dienstag, 09 April 2019 18:51)

    Ausfersehen 2-mal geschickt!�

  • #3

    Bine (Freitag, 12 April 2019 09:43)

    Ein sehr berührender Text, der sehr zum Nachdenken anregt und hoffentlich von ganz vielen gelesen wird ! Großartig, Franziska ��

  • #4

    So wahr (Donnerstag, 18 April 2019 11:42)

    Wow! Hat mich zum Nachdenken angeregt...

  • #5

    OMG... (Montag, 13 Mai 2019 18:00)

    Dieser "Artikel"ist toll und wahr.Du hast es geschaft.Meiner Meinung sollten die Politiker mal so einen Artikel lesen und mal nachdenken...

  • #6

    Anonym (Freitag, 24 Mai 2019 19:11)

    Hab’s gerade zum zweiten Mal gelesen und war wieder so fasziniert und gerührt...�
    Das ist der beste Artikel den ich seit langem gesehen habe �

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