· 

Friedrich & Bert


Schiller hatte seine ganz eigene Sicht auf das Theater. Brecht eine ganz andere. Was aber wäre gewesen, wenn die beiden sich miteinander hätten unterhalten können? - Diesen Dialog zu schreiben war die Prüfungsaufgabe für eine Q12.

Ausgangspunkt war Brechts Stück "Der gute Mensch von Sezuan": Im Zentrum steht die Frau Shen Te, die - durch gutes Handeln zu bescheidenem Reichtum gekommen - nun versucht, "gut zu sein und doch zu leben". Das gelingt ihr nicht. Nur mithilfe eines Tricks kann sie sich gegen all diejenigen zur Wehr setzen, die sie ausnutzen wollen. Sie erfindet ihren strengen Vetter Shui Ta, verwandelt sich immer wieder in diese Rolle und kann so hart genug sein, um in einer zunehmend kapitalistischen Welt zu überleben.
Der Dialog sollte sich um das Theater allgemein, aber auch um die 8.Szene dieses Dramas drehen, in der gezeigt wird, wie Sun, der skupellose Verlobte von Shen Te, in der Tabakfabrik, die sie in Verkleidung als Shui Ta leitet, aufsteigt. All das wird aber im Rückblick von Suns Mutter, Frau Yang, erzählt.

Die ersten beiden Beispiele setzen sich stärker mit dem Lernstoff auseinander und sind etwas politischer.

Friedrich: Gut, also ich muss schon sagen: Bert, was um Gottes Willen hast Du dem Drama angetan?

Bert: Angetan? Was soll das heißen?
Friedrich: Nun hör mir doch zu, Bert: Ich saß im Theater und habe mir den „Guten Menschen von Sezuan“ angesehen. Jedenfalls dachte ich, dass es sich dabei um ein Theaterstück handeln würde; gesehen habe ich aber eine seltsame Verquickung von Epik, Lyrik und Dramatik.

Bert: Perfekt!
Friedrich: Perfekt willst Du das nennen? Ein Lied im Drama einzubinden, lasse ich mir ja noch eingehen. Aber „Sieben Elefanten“ und das auch noch mitten in der Szene? Und dann kommt auch noch diese Frau Yang daher, die zugleich mitspielt und auch noch Erzählerin ist...
Bert:  Es ist nötig, die drei großen Formen der Literatur zu einer zu vereinen!
Friedrich: Vereinen willst du sie also? Wenn es ein harmonisches Ganzes ergäbe, könnte ich dich im Ansatz noch verstehen. Aber eines ist gewiss: Deine Erzählerin stört die Harmonie, sie reißt einen aus der Handlung.
Bert:  Ist alles so gewollt!
Friedrich: Und wie soll ich mit dem Helden – Helden sage ich schon, wo es keine einzige Figur mit Vorbildfunktion gibt... Man kann jedenfalls nicht mit ihnen mitfühlen.
Bert:  Umso besser. Je weniger die Leute fühlen, desto mehr denken sie. Je mehr Verfremdung, desto mehr werden sie sich der Problematik bewusst: Dass sie ausgebeutet werden.
Friedrich: Du reihst ein kleines Stückchen Handlung an ein anderes – mit Zeitsprüngen von mehreren Monaten! Hast du noch nie von den drei Einheiten des aristotelischen Dramas gehört?
Bert:  Gelesen. Verstanden. Verworfen. Das ist die reine Berieselung!
Friedrich: Nein, das Theater ist eine Lehranstalt. Der Zuschauer muss Schüler sein, man muss ihm die Welt erklären.
Bert:  Das kann der Mensch selbst. Bei dir heulen am Ende nur alle und dann fühlen sie sich kurz besser. Ihre Probleme löst das nicht.
Friedrich: Wer wäre ich, wenn ich alle Probleme dieser Welt lösen könnte? Manches bessert sich, anderes muss man stoisch ertragen.
Bert:  Das wäre ihr natürlich recht – der Obrigkeit. Dass die Unterdrückten nicht selbst denken, dass sie sich unterdrücken lassen, wie die ersten sieben vom achten Elefanten, wie die Arbeiter von Sun! Dass sie sich die Wahrheit, die traurige Wahrheit -  die Ungleichheit – noch schönreden wie die Frau Yang, die davon profitiert!

Friedrich: Dann gib ihnen doch einen Helden, gib ihnen jemanden, der ihnen zeigt, wie sie sich zu verhalten haben.
Bert: Am besten wohl einen, der das Weltbild des Bürgertums propagiert? Nein, die Menschen sollen lernen, sich aufzulehnen! Fort mit den starren Formen im Theater, fort mit der Bürgerlichkeit!

Friedrich: Das ist Anarchismus, Bert!
Bert: Das ist Klassenkampf, Friedrich!

Friedrich: Sag mir jetzt nicht auch noch, dass Du Demokrat bist!
Bert: Ich bin Sozialist!

Friedrich: Gott im Himmel!
Bert: Der hilft da jetzt auch nicht.
[…]

~ dominik ~

[…]
Friedrich: Was redest du da? Der Zuschauer darf doch nicht auf Distanz gehen; er muss sich einfühlen können.
Bert: Und was soll dieses „Einfühlen“ bringen?
Friedrich: Katharsis.
Bert: Du hebst dich wohl gerne von den einfachen Menschen ab. Benutzt Wörter, die außer dir keiner versteht. Ich sage dir: Jeder Mensch ist ein geborener Künstler.
Friedrich: Schwachsinn! Nur ganz wenige, auserwählte Menschen – mich eingeschlossen – besitzen die nötige geistige Gabe. Und die Aufgabe dieser Auserwählten ist es, die Moral und die Gesetzestreue des Plebs zu stärken. Denn eine Änderung der Gesellschaft ist nicht möglich. Deshalb ist deine angestrebte Revolution von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie würde nur unsägliches Leid bringen, aber keine Änderung.
Bert: Schau dir doch die Menschen in der Tabakfabrik an, die können doch nicht so weiterleben. Aber auf Beschwerden würde Sun oder Shui Ta nicht reagieren, also bleibt nur die Revolution.
Friedrich: Du denkst zu kurzfristig. Klar haben sie kein schönes Leben, aber was wäre nach der Revolution? Wären sie dann glücklicher? Womit sollen sie dann ihren Lebensunterhalt verdienen?
Bert: Genau das ist dein Problem, du denkst nur im System. Was wäre, wenn sich das System ändern würde und alle gleich wären? Alle müssten etwas arbeiten, um die Ernährung, die Lebensführung für alle zu sichern. Dann gäbe es keine Ausbeutung mehr. Du musst dich öffnen, Friedrich, denn du bist genauso geschlossen wie deine Dramen.
[…]

~ luca ~

Die folgenden zwei Ausschnitte beschäftigen sich eher mit Brechts Interesse am Weiblichen.

[…] Drei Mädchen unterbrechen das Gespräch. Sie kommen kreischend zu Brecht, fragen nach einem Autogramm, wobei sie Schiller abfällig mustern und dann wieder verschwinden.
Bert: Immer diese Groupies! Nimmt einen Schluck Bier. Wobei, ich habe auch meinen Spaß dran! lacht.
Friedrich: schaut erschrocken.
Bert: beruhigend. Aber sie sind durchaus anstrengend. Vielleicht sollte ich mir auch einen Vetter zulegen, in den ich mich „verwandeln“ kann, so wie Shen Te.

~ mika ~

Bert und Friedrich in einer verrauchten Eckkneipe in Berlin-Mitte. Brecht mit Zigarre im Mundwinkel, entspannt zurückgelehnt, ein Groupie in jedem Arm; Schiller mit angespannt genervtem Blick, sitzt stocksteif auf seinem Stuhl.


Friedrich: Ach, Bert, schicke doch bitte die Mädels nach Hause... oder sag ihnen wenigstens, sie sollen sich was Gescheites anziehen!
Bert: Ist doch schön anzuschauen, oder nicht? Aber gut. Helene, Carmen, ihr könnt ja in meiner Wohnung auf mich warten!?


Marie und Jana verlassen die Kneipe mit schwingenden Hüften.

~ philipp ~


Bildquelle "Brecht" und "Schiller: www.openclipart.org

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Impressum

KURTschluss | Die Schülerzeitung des KHG

 

Kurt-Huber-Gymnasium

Adalbert-Stifter-Platz 2

82166 Gräfelfing

 

E-Mail: schuelerzeitung (at) mykhg (dot) de

Link zur Schulhomepage

Die Verantwortlichen dieser Seite

Die Redaktion

Wer sich hinter den Kürzeln verbirgt, wer für alles verantwortlich ist und wer all die tollen Ideen hat, erfährst Du hier unter dem Schlagwort
"Wir über uns".