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Poetry Slam


Zeit

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Ich bin alles und doch nichts.
Ich habe auf alles Einfluss
und bin doch nur ein abstraktes Etwas.
Ihr habt mich in einen Käfig gezwängt,
den Käfig eurer Vorstellungen.


Ich bin relativ,
doch ihr habt mich zu etwas Absolutem gemacht.
Mich mit Zahlen versehen,
mir Einheiten verschrieben.
Stunden, Minuten, Sekunden.
Monate, Wochen und Tage.
Aber all das bin nicht ich.
Das ist der Käfig, in den ihr mich gezwängt habt.


Ich bewege mich gleichmäßig,
und doch beklagt ihr euch immer wieder,
dass ich entweder renne oder schleiche.
Dabei seid ihr die Rennenden oder Schleichenden.
Ich bin nur relativ.
Das ist der Käfig, in den ihr mich gezwängt habt.
Das sind die Einheiten, die ihr mir verschrieben habt.


Ich bin nichts wert
und werde immer im gleichen Maße für euch da sein.
Und doch sagt ihr, ich wäre Gold wert und verschwendbar.
Dabei ist der Käfig, in den ihr mich zwängt, Gold wert.
Dabei sind es die Einheiten, die ihr mir verschrieben habt.
Dabei seid ihr das, mit euren Vorstellungen.


Ich bin überall,
und doch seht ihr mich nur in den Uhren.
Sonnenuhren, Sanduhren, Kuckucksuhren.
Digitalwecker, Armbanduhren und Kirchturmuhren.
Aber all das bin nicht ich.
Das ist das Kleid, das ihr mir angezogen habt.
Das ist der Käfig, in den ihr mich gezwängt habt.
Das sind die Einheiten, die ihr mir verschrieben habt.
Das seid ihr, mit euren Vorstellungen von Gold.


Denn eigentlich bin ich alles und doch nichts.
Denn ich bin nicht das Kleid,
nicht der Käfig,
nicht die Einheiten
und nicht eure Vorstellung von Gold.


Ich bin die Zeit – relativ und abstrakt.


Frieden

Kapitel 1
Seine Hände liegen ruhig auf der Schaltfläche im Cockpit des Flugzeugs.
Auf seinem Kopf trägt er große Kopfhörer, über die er Anweisungen von seinem Chef bekommt.
Sein Atem geht ruhig, doch innerlich ist er aufgewühlt und nervös.
In wenigen Minuten wird er per Funk einen Auftrag bekommen. Er ahnt es zwar, hofft bisher jedoch immer noch, irgendwie um diese Sache herumzukommen.
Er schließt seine Augen und kann noch einmal abtauchen. In seine Gedanken. In eine Welt, in der wieder Frieden herrscht.
Doch in wenigen Minuten wird ihn eine laute Stimme aus seinen Gedanken reißen und ihm das befehlen, wovor er sich immer gefürchtet hat.

Kapitel 2
Er sieht seine Familie vor sich.
Seinen Sohn, der, als er ihn damals verlassen hat, noch kein Jahr war.
Inzwischen wäre er in der ersten Klasse.
Seine Tochter, die, als er sie damals verlassen hat, noch im Bauch ihrer Mutter steckte. Inzwischen wäre sie in ihrem letzten Kindergartenjahr.
Seine Schwester, die, als er sie verlassen hat, noch immer bei ihren Eltern wohnte. Inzwischen hat sie ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und forscht in den USA.
Seine Eltern, die, als er sie damals verlassen hat, am bitterlichsten geweint haben. Inzwischen ist seine Mutter an Krebs gestorben und sein Vater Alkoholiker.
Und seine Frau, die, als er sie damals verlassen hat, ihn nur verzweifelt mit ihren großen, meerblauen Augen angeschaut hat und deren Hände neben seinen auf ihrem großen Babybauch ruhten. Inzwischen strahlen ihre Augen nur noch selten und sie ist abgemagert.
Doch in Gedanken stellt er sich vor, wie er zurückkommen und sie alle in die Arme schließen wird. Wie der Krieg vorbei ist und Frieden herrscht. Seine Kinder springen um ihn herum und bitten ihn, Geschichten zu erzählen. Von damals, als alles noch gut war.
Doch in wenigen Minuten wird ihn eine laute Stimme aus seinen Gedanken reißen und ihm das befehlen, wovor er sich immer gefürchtet hat.

Kapitel 3
Er sieht seine Heimatstadt vor sich.
Zerbombt.
Staubig.
Vereinzelt laufen Menschen durch die Straßen, auf der Suche nach Essen oder anderen brauchbaren Dingen, die der Krieg noch nicht genommen hat.
Aus der Ferne nicht sichtbar, in zerbombten Hauseingängen oder in Gebäuden, die noch verschont sind, schlafen Tausende Menschen, die alles, was sie hatten, im Krieg verloren haben.
Ob sie früher einmal reich waren oder auch damals schon am Existenzminimum lebten, kann man inzwischen nicht mehr erkennen. Der Krieg hat bei allen gleich seine Spuren hinterlassen. Narben. Abgemagerte Körper. Eingefallene Augen.
Kaum noch jemand macht sich die Mühe, den Schutt wegzuräumen oder neue Unterkünfte zu bauen. Sie alle wissen, dass die ganze Arbeit mit dem nächsten Angriff umsonst wäre.
Sein ehemaliges Elternhaus steht schon lange nicht mehr. Wenn sein Vater nicht in irgendeiner dunklen Gasse sitzt und schwarze Geschäfte treibt, schläft dieser in einer alten Lagerhalle.
Das Haus von seiner Frau und ihm ist eines der wenigen, die noch fast vollständig stehen. Doch längst leben sie nicht mehr alleine dort. Die Familie hat fast zwei Dutzend heimatlose Kinder und deren Familien aufgenommen und ihnen einen  Schlafplatz gegeben.
Doch in seiner Vorstellung wimmelt es auf den Straßen nur so von Menschen. Menschen, die ihre Häuser wieder aufbauen. Menschen, die neue Hoffnung geschöpft haben, seit der Krieg zu Ende ist. Kinder, die ausgelassen auf den Straßen spielen. Wie damals, als noch alles gut war.
Doch in wenigen Minuten wird ihn eine laute Stimme aus seinen Gedanken reißen und ihm das befehlen, wovor er sich immer gefürchtet hat.

Kapitel 4
Er sieht die zerstörte Natur.
Brennende Wälder. Verkohlte Wälder.
Felder, auf denen abgestürzte Flieger liegen.
Flüsse, die einen Rotstich angenommen haben. Denn sie führen nicht mehr nur das Wasser aus ihren Quellen mit sich. Sondern auch das Blut der Toten, an denen sie vorbeigeflossen sind. Das Blut der Toten, die in sie geworfen wurden. Und wenn man genau hinhört, hört man die Flüsse und Bäche nicht mehr plätschern und rauschen, sondern wispern. Sie wispern die Geschichten der Toten, an denen sie vorbeigeflossen sind. Die Geschichten der Toten, die in sie geworfen wurden.
Und zwischen den Feldern, den von Feuer gekennzeichneten Wäldern und den blutroten und wispernden Flüssen führen Mauern hindurch. Hohe Betonmauern mit Stacheldraht. Auf beiden Seiten marschieren Soldaten auf und ab, stets bereit zu schießen, wenn sich ein Mensch der Grenze nähert.
Doch in seine Vorstellungen fahren wieder Traktoren und Pflüge über die Felder. Sind die Feuer in den Wäldern erloschen und neues Grün zeigt sich hier und da zwischen den abgestorbenen Bäumen. Und die Flüsse sind wieder klar und plätschern und rauschen wieder. Fast wie damals, als alles noch gut war.
Doch in wenigen Minuten wird ihn eine laute Stimme aus seinen Gedanken reißen und ihm das befehlen, wovor er sich immer gefürchtet hat.

Kapitel 5
Er sieht seine Kaserne.
Sie wirkt fast wie ein Hochsicherheitsbunker, wie sie da auf weiter Fläche steht, umgeben von Mauern und Stacheldraht.
Auf dem Hof herrscht geschäftiges Treiben. Soldaten marschieren, Kommandos werden gebrüllt. Ein großer Waffentransporter passiert gerade die Sicherheitsvorkehrungen am einzigen Ein- und Ausgang der Anlage.
In großen, flachen Gebäuden befinden sich Hunderte Soldaten, wohl wissend, dass sie nicht ewig dort bleiben werden. Sondern dass es bald hinaus in die weite Welt geht. In den Krieg.
Die jungen Soldaten, die erst vor ein paar Tagen angekommen sind und noch ganz am Anfang ihrer Ausbildung stehen, ahnen noch nicht das Ausmaß von dem, was auf sie zukommt. Wie er damals.
Doch in seinen Vorstellungen ist das Gelände verlassen. Die Mauer ist geziert von Rissen und größtenteils überwuchert von Kletterpflanzen. Die eisernen Tore quietschen, wenn man sie öffnet und sind rostbraun. Der Hof ist wie leergefegt und schon lange wurden die Transporter nicht mehr bewegt. Wie damals, als das Gelände Jahrzehnte lang nicht genutzt wurde und alles noch gut war.
Doch in wenigen Minuten wird ihn eine laute Stimme aus seinen Gedanken reißen und ihm das befehlen, wovor er sich immer gefürchtet hat.

Kapitel 6
Er sieht die Gesichter der Menschen, die er nie mehr vergessen kann, auch wenn es sie nicht mehr gibt.
Die Gesichter der Männer, die genauso wie er gezwungen wurden, in den Krieg zu ziehen.
Die Gesichter der Frauen, die es wegen ihm nicht mehr gibt. Sie sind dem Krieg zum Opfer gefallen, obwohl sie unschuldig waren.
Die Gesichter der Kinder, die nie eine andere Welt kennenlernen werden. Sie sind im Krieg aufgewachsen und im Krieg umgekommen.
Doch all diese Gesichter gäbe es noch, wäre er nicht da gewesen. Vielleicht hätte es dann ein anderer gemacht. Aber es hatte nun Mal niemand anderer gemacht. Sondern er. Und selbst wenn er lebend aus dem Krieg zurückkommen würde, würde er immer diese Menschen auf dem Gewissen tragen.
Doch in seiner Vorstellung hat er es nicht getan. In seiner Vorstellung kommen die Männer unversehrt aus dem Krieg zurück, fallen den Frauen, die verzweifelt gehofft haben und nun überglücklich sind, in die Arme und heben ihre lachenden Kinder erleichtert in die Höhe. Fast so unbeschwert wie damals. Wie damals, als alles noch gut war.
Doch in wenigen Sekunden wird den jungen Piloten eine laute Stimme aus seinen Gedanken reißen und ihm das befehlen, wovor er sich immer gefürchtet hat.

 

Kapitel 7
Als er die Stimme in seinen Ohren hört und er aus seinen Gedanken hochschreckt, gibt es schon kein Zurück mehr. Er hat keine Wahl mehr.
Als er seine Hände langsam zu dem rot blinkenden Knopf bewegt, hat sich sein rationales Denken schon ausgestellt. Er handelt nur noch wie ein Roboter.
Als er den Knopf drückt und ein kurzes Piepen ertönt, ist sein Schicksal besiegelt.
Und nicht nur das seine. Sondern das tausender Menschen.
Er hört nur noch einen dumpfen Knall, weit entfernt, als die Bombe auf dem Boden auftrifft, so weit weg ist er bereits.
Doch dieser dumpfe Knall hat schon jetzt Tausende Menschenleben gekostet. Und es werden minütlich mehr Opfer, die an den Folgen sterben.
Und Jack? Jack, der junge Pilot mit den Vorstellungen von Freiheit, Frieden und Fröhlichkeit, hat nun all diese Menschen auf seinem Gewissen.
Jack ist ein Massenmörder - auch wenn er es gerne vermieden hätte, hat er all diese Menschen freiwillig und vollem Bewusstsein umgebracht.
Jacks Vorstellungen von Frieden waren nur Vorstellungen. Jacks Träume waren nur Träume. Und das werden sie auch noch lange bleiben.

Franziska M. | 8a

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