Lesung - Solly Ganor : Das andere Leben


Gelesen von Thomas Darchinger, am Vibraphon Wolfgang Lackerschmid

Solly Ganor überlebte als 17-Jähriger das KZ Dachau. Er zog nach Israel und versuchte, ein "normales" Leben zu leben, entschied sich aber nach über 40 Jahren dazu, seine Geschichte zu erzählen und nicht mehr vor ihr davonzulaufen. Seine Biographie trägt den Titel "Das andere Leben". (Der Link führt zum Anbieter Amazon). Thomas Darchinger hat kürzlich am KHG aus dieser Biographie gelesen, Wolfgang Lackerschmid hat diese Lesung musikalisch begleitet.

 

Wir denken, es ist Geschichte, doch das ist es nicht. Ausgrenzung, Erfindung eines Feindbildes, das gab es damals wie heute. Früher war der Jude der Feind, heute ist es der Flüchtling.

Das ist nun natürlich sehr provokant gesprochen, doch leider werden fremdenfeindliche Gruppierungen in Europa wieder populärer. Es drängt sich also geradezu die Frage auf, ob wir eigentlich nichts aus unserer Geschichte gelernt haben. Mit diesem Thema beginnt auch Thomas Darchinger seine Lesung aus dem Buch „Das andere Leben“, einer Geschichte über Solly Ganor, einem Überlebenden aus dem KZ Dachau. Begleitet wird er dabei von Wolfgang Lackerschmid am Vibraphon. Alles fängt an mit der Fahrt nach Kaufering, zum Außenlager 10 des KZs Dachau. Solly ist zu dieser Zeit ein Teenager, so wie wir. Doch während wir diese Geschichte nur ungläubig und erschreckt hören, hat er sie wirklich erlebt. Solly hat Glück, auch wenn man das Wort in diesem Kontext eigentlich nicht gebrauchen möchte. Nach der Ankunft im Lager sollen seine Brüder, sein Vater und er in Arbeitsgruppen eingeteilt werden. Doch während sein Vater und seine Brüder härteste körperliche Arbeit verrichten müssen, schafft Solly es, sich in die Küchengruppe zu schmuggeln. Für die meisten bedeutet das einige Zeit länger zu leben, ist die Arbeit in der Küche körperlich doch nicht ganz so anstrengend. Doch die Arbeit mit dem Essen ist eine Qual für die völlig ausgehungerten Jugendlichen. Einige Male riskiert Sally sein Leben, als er versucht, etwas zum Essen zu stehlen.

 

Der Alltag im Konzentrationslager ist geprägt von den Grausamkeiten der Wächter, der Angst, dem Hunger. Der Tod ist ständiger Begleiter in Sallys Geschichte. Sein Lehrer wird erschossen, weil er ihm ein Buch geben wollte, ein anderer Häftling wird bei dem Versuch, Suppe zu stehlen, ebenfalls erschossen und trinkt, während er schon sterbend zu Boden sinkt, noch die Schale Suppe leer.

 

Wenn Thomas Darchinger diese Stellen vorliest, wird es kalt in dem großen Raum, in dem die Schüler der 10. und 11. Klasse sitzen. Die schneidende, grausame Stimme eines KZ-Wachmanns hallt durch den Raum. Unwillkürlich zucken viele der Schüler zusammen. Man kann die Angst und die Fassungslosigkeit spüren, die Sally damals gespürt haben muss. Verstärkt werden die eigenen Gefühle durch die traurigen Töne des Vibraphons.

 

Es ist eines der besonders schrecklichen Erlebnisse in Sallys Leben: Er und sein Freund Seelich müssen Kartoffeln an ein anderes Lager liefern. Haben die beiden Jungen gedacht, ihr Lager wäre schon schrecklich, so ist dieses Lager noch um einiges schlimmer. Häftlinge, die als Menschen kaum mehr erkennbar sind, arbeiten an einer riesigen Baustelle. Immer wieder stürzen Häftlinge von dem Gerüst in den flüssigen Beton und werden dort für immer eingemauert. Als Seelich und Sally schon fast auf dem Heimweg sind, wird Seelich fälschlicherweise von einem Aufseher für einen Häftling aus diesem Lager gehalten und auf das Gerüst geschickt. Als Seelichs Onkel, der in diesem KZ arbeitet, versucht, den Aufseher von dem Gerüst zu stoßen, fallen alle drei hinab und werden von dem Beton verschluckt, eingemauert in dieses gigantische Mausoleum.

 

Den Gesichtern der Schüler ist das Entsetzen anzusehen. Keiner kann sich vorstellen, den Tod eines Freundes mit ansehen zu müssen.

 

 1945 marschiert das ganze Außenlager 10 schließlich nach Dachau. Ängstlich und halb erfroren stehen die Häftlinge schließlich vor den langen Gebäuden, von denen sie aus Erzählungen wissen, dass es die Gaskammern sind. Es bedeutet das Ende, als sie nackt und zusammengepfercht in den als Baderäume getarnten Gaskammern stehen. Doch es ist nicht das Ende, denn es kommt tatsächlich Wasser aus den Duschköpfen. Sie sollen nur duschen.

 

Wenig später verlässt die Gruppe Dachau wieder. Sally wandert mit seinem Vater und seinen beiden Brüdern. Die Nachricht der nahenden Amerikaner hat die Gruppe schon erreicht, zum ersten Mal seit langem steht Sally fast schon ausgelassen mit seiner Familie zusammen, sie lachen, doch plötzlich rutscht sein Bruder Jakob zu Boden, er stirbt mit einem Lächeln im Gesicht. Irgendwann nach weiteren langen Märschen bleibt auch sein Vater zurück, doch Sally weiß, dass er weitergehen muss, wenn er überleben will. Nun sind nur noch er und sein Bruder Berthold übrig. Als dieser jedoch fällt, geht ihm ein Dobermann an die Kehle. Nun ist Sally allein, in der darauffolgenden Nacht versteckt er sich im Wald. Als er am nächsten Morgen aufwacht, sind alle tot oder weggelaufen.

Das nächste, was er sieht, sind zwei Amerikaner, die ihn anlächeln. Schließlich sagt Clarence, einer der beiden Soldaten: „You are free, kid“.

 

Noch lange hallt dieser Satz durch den Raum. Es ist den Schülern anzusehen, wie bewegt sie von dieser wahren Lebensgeschichte sind. Nur langsam tauchen wir wieder in die Wirklichkeit auf. Ich denke, ich kann für viele der Schüler sprechen, wenn ich sage, dass diese Geschichte noch einige Zeit nachwirken wird.

 

Thomas Darchinger beendet die Lesung mit einem Appell an uns, dass wir Teil unserer Demokratie sind und diese auch schützen müssen. Ich denke, das sollten wir uns alle zu Herzen nehmen, genau jetzt in unserer Zeit.

[ac]

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